Illness name: milzbrand
Description:
Clemens Gödel ist freier Mitarbeiter der NetDoktor-Medizinredaktion.
Milzbrand
ist eine oft schwer verlaufende bakterielle Erkrankung, die vor allem Haut, Lunge oder Darm betrifft. Sie kann tödlich enden und muss daher schnell und wirksam mit Antibiotika behandelt werden. Der Milzbrand-Erreger ist auch wegen seines potenziellen Einsatzes als biologisches Kampfmittel gefürchtet. Lesen Sie hier alles Wichtige über die Symptome und Behandlung von Milzbrand.
Milzbrand (auch Anthrax genannt) wird vom Bakterium
Bacillus anthracis
verursacht. Der Name basiert auf der Beobachtung, dass die
Milz
Verstorbener bei der Obduktion ein bräunlich-verbranntes Aussehen hat.
Der Bazillus ist in der Lage, widerstandsfähige Sporen zu bilden und so über Jahrzehnte im Erdreich zu überleben. Weitergegeben wird er fast ausschließlich über Tiere oder tierisches Material. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist bisher nicht beschrieben worden.
Immer wieder wird der Milzbrand-Erreger zudem als
bioterroristische Waffe
missbraucht. Beispielsweise tauchten 2001 in den USA mehrere Briefe auf, die mit dem Erreger verseucht waren. Dabei erkrankten 22 Personen, fünf starben. Tausenden Personen, vor allem Mitarbeitern der Post, wurde empfohlen, vorbeugend Antibiotika gegen Milzbrand einzunehmen.
In der Folgezeit gab es auch in Europa Einzelfälle von verdächtigen Postsendungen sowie Meldungen über verdächtige Behältnisse oder Spuren von weißen Pulvern.
Anthrax wird von den Gesundheitsbehörden weltweit als bedeutende Bedrohung sowohl im Rahmen normaler Infektionswege als auch durch Bioterrorismus eingestuft.
Der Milzbranderreger ist in weiten Teilen der Welt zu finden, bevorzugt jedoch warme Klimaregionen. Die Erkrankung tritt vor allem bei Tieren in landwirtschaftlichen Regionen auf, etwa in Süd- und Zentralamerika, Süd- und Osteuropa, Afrika sowie in der Karibik und im Mittleren Osten.
Menschen (v.a. in den Industrieländern) infizieren sich nur sehr selten mit dem Bakterium. Betroffen sind vor allem Personen, die engen Kontakt zu Nutztieren haben. Jährlich gibt es weltweit etwa 2000 Erkrankungsfälle.
In Deutschland gab es den letzten Fall von Haut-Milzbrand (häufigste Form der Erkrankung) im Jahr 1994. In der Schweiz infizierte sich 1991 das letzte Mal jemand mit Haut-Milzbrand (ein weiterer Erkrankungsfall im Jahr 2014 war aus der Türkei importiert). In Österreich wurden seit 1950 insgesamt 87 Fälle von Anthrax gemeldet, der letzte 1986.
Außerdem erkrankten seit 2000 in Europa (u.a. in Deutschland) mehrere Drogenkonsumenten, die sich vermutlich mit Milzbrand-Sporen verunreinigtes Heroin gespritzt hatten (Injektionsmilzbrand). Außerdem gab es in Großbritannien einen Erkrankungsfall nach dem
Inhalieren
von kontaminiertem Heroin.
Ärzte müssen jeden Verdacht auf Milzbrand, jede Erkrankung und jeden Todesfall unter Angabe des Patientennamens an die zuständige Behörde melden - in Deutschland dem Gesundheitsamt, in Österreich der Bezirksverwaltungsbehörde und in der Schweiz dem kantonsärztlichen Dienst.
Auch für medizinische Labore besteht eine Meldepflicht für Milzbrand.
Zu Beginn der Erkrankung sind die Zeichen nicht sehr spezifisch für Milzbrand. Symptome betreffen zunächst den Bereich, der zuerst mit dem Bazillus in Kontakt gekommen ist. So können in Abhängigkeit vom Infektionsweg primär verschiedene Organe von Anthrax betroffen sein:
Der Haut-Milzbrand ist die weltweit häufigste Form von Anthrax. Der Erreger dringt hier durch äußere Verletzungen der
Haut
ins Gewebe ein und beginnt, sich zu vermehren. Nach einem bis sieben Tagen entstehen an der Infektionsstelle entzündliche Hautveränderungen, die nicht immer schmerzen müssen. Um diese Stelle herum bilden sich meist auch flüssigkeitsgefüllte Blasen. Später kommt schwarzer Schorf dazu.
Zudem entzünden sich die Lymphgefäße, und die Lymphknoten schwellen an. Charakteristisch ist außerdem eine flüssigkeitsbedingte Schwellung (
Ödem
) rund um den entzündeten Bereich. Die Schäden im Gewebe sind oft sehr schwer und können auch tiefe Gewebsschichten betreffen.
Beim Lungen-Milzbrand erfolgt die Infektion zumeist über das Einatmen der Sporen des Milzbranderregers. Die Zeit zwischen Infektion und Krankheitsausbruch (Inkubationszeit) ist mit wenigen Stunden bis Tagen vergleichsweise kurz.
Lungen-Milzbrand ähnelt einer plötzlich auftretenden
Lungenentzündung
mit Bronchitis. Dies macht es Ärzten schwer, früh die Diagnose Milzbrand zu stellen. Zu den Krankheitszeichen zählen eine Reihe von schweren Allgemeinsymptomen wie
Schüttelfrost
, Erbrechen und Bluthusten. Der blutige Auswurf kann infektiös sein.
Lungen-Milzbrand ist die gefährlichste Form von Anthrax, da hier die
Atmung
schwer beeinträchtigt werden kann. Unbehandelt führt er innerhalb weniger Tage zum Tod.
Der Darm-Milzbrand entsteht, wenn der Erreger zum Beispiel durch den Verzehr von rohem oder nicht ausreichend durcherhitztem Fleisch eines infizierten Tieres in den Magen-Darm-Trakt gelangen. Drei bis sieben Tage später bricht die Krankheit aus.
Dabei sind auch hier die Symptome zunächst unspezifisch: Die Patienten bekommen hohes Fieber, kombiniert mit
Durchfall
, Übelkeit, Erbrechen und
Appetitlosigkeit
. Später kann es zu schweren Blutungen im
Darm
kommen, welche sich mit blutigem Durchfall äußern. Die Erkrankung kann in eine Bauchfellentzündung übergehen, die selbst bei massiver Therapie nur sehr schwer beherrschbar ist. Auch diese Form führt unbehandelt zum Tod.
Der Injektionsmilzbrand tritt vor allem bei Drogenkonsumenten auf, die sich mit Milzbrand-Sporen verunreinigte Drogen in die Vene spritzen.
Die Symptome beginnen sehr variabel zwischen einem und zehn Tagen nach der Injektion. Die Patienten entwickeln massive Gewebsschwellungen (Ödeme) und Abszesse mit schweren Entzündungen, die um die Injektionsstelle herum beginnen. Betroffene Gewebebereiche können absterben.
Bei einem besonders schweren Verlauf kann sich der Milzbranderreger im ganzen Körper verteilen und so weitere Schäden an Organen (mit Gewebeuntergang) verursachen. Eine Blutvergiftung (Sepsis) kann entstehen. Aus einer Milzbrand-Infektion kann auch eine schwere Hirnhautentzündung (
Meningitis
) resultieren. Mediziner sprechen dann von Milzbrandmeningitis.
Der Milzbranderreger
Bacillus anthracis
ist ein stäbchenförmiges Bakterium, das eine schützende Kapsel besitzt und gefährliche Giftstoffe (Toxine) produziert. Diese können die
Blutgefäße
schädigen, so dass es zu Blutungen kommt. Unter ungünstigen Umweltbedingungen bildet der Erreger Sporen aus. In dieser inaktiven Form kann er über Jahrzehnte im Erdreich überleben.
Milzbrand gilt als eine Zoonose. Darunter versteht man Infektionen, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden oder umgekehrt. Der Bazillus kommt häufig in Tierbeständen vor. Die Tiere nehmen die Sporen aus dem Erdreich auf und infizieren sich so mit Milzbrand. Im Körper der Tiere wandeln sich die inaktiven Sporen in die aktive Form des Bazillus um.
Der Mensch infiziert sich vor allem über Hautkontakt mit erkrankten Tieren, infizierten Kadavern oder kontaminierten Tierprodukten (wie Wolle, Fleisch). Dabei kann der Milzbranderreger über kleine Hautverletzungen (z.B.
Insektenstiche
) in den Körper gelangen und dann Haut-Milzbrand auslösen. Durch die intakte Haut kann der Bazillus nicht eindringen.
Seltener stecken sich Menschen über den
Mund
(oral, z.B. durch den Verzehr kontaminierten Fleisches), über den Luftweg (Einatmen von Milzbrandsporen) oder über Injektionen (z.B. Spritzen mit kontaminiertem Heroin) an.
Es ist wichtig, dass bei Milzbrand die Diagnose früh gestellt wird. Denn die Erkrankung ist grundsätzlich lebensbedrohlich. Durch frühe Behandlung können aber schwere Verläufe oft abgewendet werden.
Erster Diagnoseschritt ist die
Erhebung der Krankengeschichte
(
Anamnese
). Unter anderem fragt der Arzt den Patienten dabei, welche Symptome er hat, seit wann diese bestehen und ob er engen Kontakt zu Nutztieren oder deren Fleisch hatte. Bei Drogenkonsumenten wird der Arzt beim Vorliegen entsprechender Symptome immer auch an die Möglichkeit eines Injektions-Milzbrands denken.
Für den
Erregernachweis
(in Speziallaboren) gewinnt der Arzt Untersuchungsmaterial vom Patienten. Dabei kann es sich bei Verdacht auf Haut-Milzbrand oder Injektionsmilzbrand zum Beispiel um Wundabstriche oder Hautgewebeproben handeln. Vermutet der Arzt Lungen-Milzbrand, kann der Auswurf (Sputum) als Probenmaterial verwendet werden. Oder die
Lunge
wird im Rahmen einer
Bronchoskopie
mit Salzlösung gespült, die dann wieder abgesaugt und analysiert wird (Bronchiallavage). Bei möglichem Darm-Milzbrand wird eine Stuhlprobe untersucht, bei Verdacht auf eine Hirnhautentzündung eine Probe des Nervenwassers (entnommen mittels
Lumbalpunktion
).
Zusätzlich werden Blutproben genommen.
Der Erregernachweis an sich kann dadurch erfolgen, dass man versucht, Bazillen in Untersuchungsmaterial des Patienten anzuzüchten und dann mikroskopisch nachzuweisen. Man kann auch nach Schnipseln des Bazillen-Erguts suchen, diese mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) vervielfältigen und so eindeutig nachweisen.
Daneben gibt es auch Möglichkeiten, den Milzbranderreger indirekt nachzuweisen, indem man im
Blut
nach spezifischen Antikörpern gegen die Bazillen sucht.
Im weiteren Untersuchungen können die angezüchtete Erreger auf ihre Empfindlichkeit gegenüber verschiedenen Antibiotika getestet werden (
Resistenzdiagostik
). Die Ergebnisse helfen bei der Therapieplanung.
Milzbrand-Patienten werden in erster Linie mit
Antibiotika
behandelt. Dabei hängt es vor allem vom Beschwerdebild und von der Krankheitsschwere ab, wie diese Antibiotikatherapie genau aussieht (Art der verwendeten Wirkstoffe, Dauer der Behandlung etc.).
Beispielsweise kann es bei Haut-Milzbrand ohne Beteiligung anderer Organe reichen, Antibiotika (wie
Ciprofloxacin
oder
Doxycyclin
) einzunehmen, etwa als Tabletten. Bei ersten Anzeichen, dass sich die Infektion im Körper (systemisch) ausbreitet, werden die Antibiotika aber direkt in eine Vene (intravenös) gegeben. Sie erreichen so schneller den Ort, an dem sie wirken sollen. Auch bei Lungen-, Darm- und Injektionsmilzbrand sind intravenöse Antibiotika-Gaben vorgesehen.
Hat sich als Komplikation von Milzbrand eine Hirnhautentzündung (Meningitis) entwickelt, muss diese ebenfalls mit passenden Antibiotika behandelt werden.
Zusätzlich zur Antibiotikatherapie erfolgt in manchen Fällen ein
chirurgischer Eingriff
: Bei Injektionsmilzbrand mit schweren Haut-Weichteil-Infektionen muss das geschädigte Gewebe im Rahmen des
Debridement
chirurgisch entfernt werden. Auch bei Haut-Milzbrand ist manchmal ein chirurgischer Eingriff erforderlich.
Seit 2020 ist in der EU zudem der
monoklonale Antikörper
Obiltoxaximab zur Anthrax-Behandlung zugelassen. Der künstlich hergestellte Antikörper bindet am Milzbrand-Toxin, sodass dieses nicht in Körperzellen aufgenommen werden kann.
Zugelassen ist Obiltoxaximab im Kombination mit Antibiotika zur Behandlung von Patienten, die sich durch Einatmen von Milzbrand-Sporen infiziert haben. Auch um einer solchen inhalativen Milzbrand-Erkrankung vorzubeugen, darf der Wirkstoff in bestimmten Fällen eingesetzt werden (siehe unten "Milzbrand: Vorbeugung").
Schwer erkrankte Milzbrand-Patienten werden meist auf Intensivstationen behandelt. Dort können sie je nach Bedarf zum Beispiel eine Kreislauf-Stabilisierung oder eine
Beatmung
erhalten und werden sorgfältig überwacht.
Milzbrand ist eine sehr seltene, aber schwerwiegende Erkrankung, die trotz gezielter Antibiotika-Therapie einen schweren Verlauf nehmen kann. Entscheidend für die Heilungschancen ist ein möglichst frühzeitiger Therapiebeginn.
Außerdem wird die Prognose vom Infektionsweg und von der betroffenen Körperregion beeinflusst. Die besten Heilungschancen gibt es bei der häufigsten Krankheitsform - dem Haut-Milzbrand: Bei richtiger Behandlung sterben weniger als ein Prozent der Erkrankten. Ohne antibiotische Behandlung beträgt die Sterberate bis zu 25 Prozent.
Besonders gefährlich ist der Lungen-Milzbrand, dem ohne Therapie fast alle Erkrankten schon nach wenigen Tagen zum Opfer fallen. Selbst wenn eine Therapie rechtzeitig eingeleitet wird, verstirbt bei Lungen-Milzbrand - ebenso wie bei Darm-Milzbrand - fast die Hälfte aller Patienten. Für den Injektionsmilzbrand ist die Prognose nur unwesentlich besser. Hier führt die Infektion selbst unter Therapie bei rund jedem dritten Patienten zum Tod.
Eine durch Milzbrand ausgelöste Hirnhautentzündung endet fast immer tödlich.
Schlägt die Behandlung an, kann die Rückbildung der Symptome, besonders jener der Haut, Tage bis Wochen dauern. Aus diesem Grund sollte eine Antibiotikatherapie nicht vorzeitig wegen scheinbarer Unwirksamkeit abgebrochen werden.
Auch Langzeitfolgen von Milzbrand sind beschrieben. Dazu zählen vor allem verstärkte
Müdigkeit
und schnelle körperliche Erschöpfung.
Zur Vorbeugung von Anthrax empfiehlt sich zuallererst die
Expositionsprophylaxe
(besonders in Milzbrand-Risikogebieten). Darunter versteht man Maßnahmen, die das Ansteckungsrisiko senken. So sollte man zum Beispiel den direkten Hautkontakt mit (potenziell) erkrankten Tieren oder entsprechenden Tierprodukten sowie mit an Milzbrand verstorbenen Tieren vermeiden (ggf. Schutzkleidung tragen). Zudem sollte nur vollständig durchgekochtes oder gebratenes Fleisch verzehrt werden.
Eine direkte Übertragung des Erregers von Mensch zu Mensch ist bisher nicht beschrieben worden, lässt sich aber nicht ausschließen. Daher werden Milzbrand-Patienten isoliert; Betreuungspersonen müssen erhöhte Schutzmaßnahmen beachten.
Nach einem Kontakt mit dem Milzbrand-Erreger ist unter Umständen eine
vorbeugende Antibiotika-Einnahme
angezeigt. Das nennt man Postexpositionsprophylaxe. In der EU kann diese seit 2020 auch in der Gabe von Obiltoxaximab bestehen: Der monoklonale Antikörper darf zur Vorbeugung von inhalativem Milzbrand Menschen verabreicht werden, die Kontakt mit Anthrax-Sporen hatten, wenn keine anderen Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stehen.
Es existiert auch eine
Impfung gegen Milzbrand
. Sie ist hauptsächlich für Risikopersonen in Regionen angezeigt, in denen Anthrax häufiger vorkommt (Endemiegebiete). In Deutschland und Österreich ist kurzfristig kein Milzbrand-Impfstoff verfügbar. In der Schweiz ist ein solcher Impfstoff ebenfalls nicht erhältlich - und zudem auch nicht zugelassen.
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.
Clemens Gödel ist freier Mitarbeiter der NetDoktor-Medizinredaktion.
Milzbrand
Milzbrand: Beschreibung
Milzbrand: Vorkommen
Milzbrand: Meldepflicht
Milzbrand: Symptome
Haut-Milzbrand
Lungen-Milzbrand
Darm-Milzbrand
Sonderform Injektionsmilzbrand
Milzbrand: Ursachen und Risikofaktoren
Milzbrand: Untersuchung und Diagnose
Milzbrand: Behandlung
Milzbrand: Krankheitsverlauf und Prognose
Milzbrand: Vorbeugung
Autoren- & Quelleninformationen