Illness name: angelman syndrom
Description:
Lisa Vogel hat Ressortjournalismus mit dem Schwerpunkt Medizin und Biowissenschaften an der Hochschule Ansbach studiert und ihre journalistischen Kenntnisse im Masterstudiengang Multimediale Information und Kommunikation vertieft. Es folgte ein Volontariat in der NetDoktor-Redaktion. Seit September 2020 schreibt sie als freie Journalistin für NetDoktor.
Das
Angelman-Syndrom
(engl.: Happy-Puppet-Syndrome) ist eine seltene, genetisch bedingte Erkrankung. Sie äußert sich unter anderem durch geistige und körperliche Einschränkungen, Entwicklungsstörungen (vor allem der Sprache) und Hyperaktivität. Auffällig ist das puppenhafte Aussehen und der freudige Gesichtsausdruck der Betroffenen. Erfahren Sie mehr über die seltene Erkrankung!
Das Angelman-Syndrom (AS) entsteht durch einen genetischen Defekt auf dem Chromosom 15. Dieser Defekt stört die körperliche und geistige Entwicklung der Betroffenen. Sprachentwicklungsstörungen, motorische Unsicherheit und ein fröhlicher Gesichtsausdruck sind die auffälligsten Symptome des Angelman-Syndroms.
Der Name “Angelman-Syndrom" stammt vom Entdecker der Erkrankung, dem englischen Kinderarzt Harry Angelman. 1965 verglich er die Krankheitsbilder dreier Kinder, die puppenhafte Gesichtszüge hatten. Die Kinder lachten viel und machten ruckartige Bewegungen - wie Marionetten. Das führte zur englische Bezeichnung “Happy-Puppet-Syndrome” (happy puppet = fröhliche Puppe).
Das Angelman-Syndrom kommt bei beiden Geschlechtern vor. Das Erkrankungsrisiko liegt bei etwa 1:20.000. Damit zählt das Syndrom zu den seltenen Erkrankungen.
Bei der
Geburt
sind Kinder mit Angelman-Syndrom noch unauffällig. Erst im Säuglings- und Kleinkindalter fallen die motorischen und kognitiven Entwicklungsstörungen zunehmend auf. Merkmale der genetischen Störung sind:
Bei manchen Kindern mit Angelman-Syndrom beobachtet man zusätzlich:
Die Ursache für das Angelman-Syndrom ist ein
genetischer Defekt auf dem Chromosom 15
: Bei den Betroffenen ist die Funktion des Gens
UBE3A
beeinträchtigt. Durch dieses Gen entsteht normalerweise ein Enzym, das am Abbau beschädigter oder überflüssiger Eiweiße in den Zellen beteiligt ist. Es hilft somit, dass die Zelle normal arbeiten kann.
Das UBE3A-Gen liegt in der Chromosomenregion 15q11q13. Dort unterliegen die Gene dem sogenannten “
Genomic Imprinting
”. Das bedeutet, sie sind nur auf einem der elterlichen
Chromosomen
aktiv (in unseren Körperzellen sind von jedem Chromosom zwei Exemplare vorhanden - eines von der Mutter und eines vom Vater). Reguliert wird dies über einen chemischen Prozess - die Methylierung: An bestimmten Stellen angehängte Methylgruppen können ein Gen an- oder abschalten.
In zahlreichen Körperzellen ist das Gen auf beiden Chromosomen aktiv, nicht jedoch in den Nervenzellen des Gehirns: Dort ist bei vielen Menschen das UBE3A-Gen auf dem väterlichen Chromosom 15 durch das Imprinting abgeschaltet. Folglich ist UBE3A im
Gehirn
nur auf dem mütterlichen Chromosom 15 aktiv. Das bedeutet auch: Weist die mütterliche Genkopie einen Fehler auf, kann dieser nicht durch die stillgelegte väterliche Genkopie ausgeglichen werden. Und genau diese Kombination liegt beim Angelman-Syndrom vor:
Der väterliche Genabschnitt ist abgeschaltet, der mütterliche defekt
.
Der dahintersteckende genetische Fehler kann unterschiedlicher Art sein:
In den restlichen zehn bis 15 Prozent der Fälle ist die Ursache für das Angelman-Syndrom
unbekannt
. Übrigens: Ist das mütterliche Gen abgeschaltet und das väterliche defekt, leiden die Kinder unter dem sogenannten Prader-Willi-Syndrom.
Grundsätzlich ist beim Angelman-Syndrom das
Wiederholungsrisiko
gering. Damit ist das Risiko gemeint, dass Eltern eines betroffenen Kindes weitere Kinder bekommen, die ebenfalls das Syndrom haben. Im Einzelfall hängt dieses Risiko aber wesentlich davon ab, welcher genetische Defekt dem Angelman-Syndrom zugrunde liegt.
So beträgt es etwa bei einem Angelman-Syndrom infolge von zwei väterlichen Chromosomen 15 (paternale uniparentale Disomie 15) weniger als ein Prozent. Dagegen kann ein Angelman-Syndrom infolge eines Imprintingfehlers mit Verlust eines bestimmten Genabschnitts (IC-Deletion) unter Umständen in der Hälfte aller Fälle auch bei einem Geschwisterkind auftreten.
Dieses erhöhte Risiko besteht auch bei einer UBE3A-Mutation - sofern bereits die Mutter die Trägerin des Gendefekts ist (in etwa 20 Prozent aller Mutations-Fälle). Die Mutter hat in solchen Fällen die Mutation wiederum von ihrem Vater geerbt. UBE3A ist also beim väterlichen Chromosom der Mutter verändert. Ist dieses abgeschaltet, bemerkt die Mutter nichts von der Mutation. Sie kann das Chromosom aber an ihre Kinder weitergeben, wo es - dann als mütterliches Chromosom - das Angelman-Syndrom hervorrufen kann.
Patienten mit Angelman-Syndrom können sich theoretisch
fortpflanzen
. Je nach dem, wann die ursächlichen Chromosomenveränderungen aufgetreten sind (z.B. schon in der Keimzellentwicklung oder gleich nach der Befruchtung), ist das Risiko mitunter sehr hoch (bis zu 100 Prozent), dass Betroffene die Krankheit weitergeben. Verlässliche Daten hierzu fehlen jedoch. Einen Einzelfall gab es etwa im September 1999: Die am Angelman-Syndrom erkrankte Mutter gab hier die Krankheit weiter.
Wenn Sie die oben beschriebenen Symptome bei Ihrem Kind feststellen, ist der Kinderarzt der erste Ansprechpartner. Er kann die möglichen Ursachen genauer eingrenzen und Sie mit Ihrem Kind gegebenenfalls an einen Spezialisten überweisen.
Der erste Schritt der Diagnose ist eine gründliche
Anamnese
. Dabei wird der Arzt Ihnen verschiedene Fragen über Ihr Kind stellen wie zum Beispiel:
Im Anschluss folgt die körperliche Untersuchung. Der Kinderarzt testet dabei, inwieweit sich das Kind regelhaft motorisch und geistig entwickelt. Dazu dienen einfache Übungen: Beispielsweise soll sich das Kind auf Spielsachen konzentrieren oder gezielt nach einem Bauklotz greifen. Außerdem achtet der Arzt auf die Mimik des Kindes. Häufiges Lachen, puppenhafte Gesichtszüge und Sabbern sind Anzeichen für das Angelman-Syndrom.
Besteht nach der körperlichen Untersuchung der Verdacht auf die seltene Erkrankung, wird der Arzt Sie an einen Neurologen und einen Humangenetiker überweisen.
Genetische Untersuchungen sind ein wichtiger Teil der Diagnostik beim Angelman-Syndrom. Der Arzt braucht dafür eine kleine Probe kindlicher Zellen, die er zum Beispiel über eine Blutentnahme oder einen Abstrich aus der
Mundschleimhaut
gewinnt. Anschließend wird das Erbgut (DNA) dieser Zellen beziehungsweise die
betreffende Chromosomenregion 15q11q13 im Labor genauer untersucht
.
Dabei achten die Mediziner in einem ersten Schritt auf das Methylierungsmuster des Chromosomenabschnitts (
Methylierungsanalyse
/-test). Weitere Tests an den gleichen Proben (
Deletionsanalyse, Mutationsanalyse
) helfen dabei, die Ursache des Angelman-Syndroms näher zu bestimmen. Dafür kann es auch nötig sein, das Erbgut der Eltern zu untersuchen. Auf diese Weise stellen Ärzte fest, ob schon dort ein Gendefekt vorliegt.
Oft sind weitergehende Untersuchungen sinnvoll. So lassen sich etwa mittels
EEG
Veränderungen in der elektrischen Hirnaktivität nachweisen, wie sie oft bei Angelman-Syndrom auftreten. Auch augenärztliche Untersuchungen können angezeigt sein.
Das Angelman-Syndrom ist nicht heilbar - die genetische Ursache der Erkrankung lässt sich nicht beheben. Allerdings kann Frühförderung die motorische und geistige Entwicklung der Betroffenen positiv beeinflussen. Hilfreich ist zum Beispiel regelmäßige Physiotherapie. Sie kann die motorischen Fähigkeiten der Kinder verbessern, Bewegungseinschränkungen lindern und dazu beitragen, Folgeerkrankungen wie einer Wirbelsäulenfehlstellung vorzubeugen. Auch von anderen Therapieverfahren wie Ergotherapie und Logopädie profitieren Kinder mit Angelman-Syndrom.
Einige Symptome und Beschwerden, die bei Angelman-Syndrom auftreten, können zudem eine gezielte Behandlung erfordern. So helfen krampflösende Medikamente (Antiepileptika) gegen Krampfanfälle, und Beruhigungsmittel (Sedativa) bei schweren
Schlafstörungen
.
Auf der Website vom Verein Angelman e.V. finden Sie viele Informationen über das Angelman-Syndrom, Erfahrungsberichte und Veranstaltungen für Betroffene sowie Ansprechpartner für Betroffene in allen Regionen Deutschlands.
Babys mit Angelman-Syndrom haben häufiger Probleme beim
Stillen
, Saugen und Schlucken. Sie strecken oft die Zunge heraus oder sabbern sehr viel. Außerdem spucken Kinder mit Angelman-Syndrom oft (fälschlicherweise wird dann häufig eine Nahrungsmittelunverträglichkeit oder Reflux-Krankheit vermutet). Das häufige Übergeben kann zu einem gefährlichen Gewichtsverlust führen.
Im Alter von drei bis sechs Monaten beginnen Kinder mit Angelman-Syndrom häufig zu Lächeln. Sie kichern und "gurgeln" sehr viel und strecken bei diesen Freudenausbrüchen oft die Zunge heraus.
Die verzögerte motorische Entwicklung fällt meist zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat auf: Die Kinder krabbeln und sitzen nicht. Die Bewegungen des Oberkörpers sind häufig zittrig. Das erschwert wiederum das Sitzen.
Ein Bruchteil der Betroffenen bekommt schon im Alter von 12 Monaten Krampfanfälle.
Innerhalb der ersten drei Lebensjahre wird die Entwicklungsstörung bei Angelman-Syndrom sehr deutlich. Die Kinder leiden vermehrt an leichten Krampfanfällen. Sie sind zum Teil hyperaktiv, überreizt und immer in Bewegung. Viele neigen dazu, dauernd Hände oder Spielzeug in den
Mund
zu nehmen oder die Zunge häufig herauszustrecken und zu sabbern. Sind die Kinder besonders aufgeregt, dann lachen sie oft übermäßig und winken mit ausgestreckten Armen.
Die gestörte Sprachentwicklung wird in diesem Alter erstmals deutlich. Kinder „babbeln“ vor sich hin oder schreien und quietschen, können allerdings nur wenige bis gar keine gut verständlichen Worte aussprechen und verwenden sie meist ohne Zusammenhang. Sie verstehen Sprache aber, und es kommt auch zu sozialer Interaktion mit anderen Menschen.
Die Pubertät tritt bei Kindern mit Angelman-Syndrom oft drei bis fünf Jahre verspätet ein. Die Geschlechtsreife entwickelt sich dann aber normal. Eine Sprachentwicklung bleibt bei oft vorhandenem Sprachverständnis weiterhin aus. Die Krampfanfälle sind im Erwachsenenalter meist mit Medikamenten gut unter Kontrolle zu bekommen.
Menschen mit dem Angelman-Syndrom haben eine normale Lebenserwartung. Ein eigenständiges Leben ist allerdings durch die geistigen Einschränkungen nicht möglich.
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.
Lisa Vogel hat Ressortjournalismus mit dem Schwerpunkt Medizin und Biowissenschaften an der Hochschule Ansbach studiert und ihre journalistischen Kenntnisse im Masterstudiengang Multimediale Information und Kommunikation vertieft. Es folgte ein Volontariat in der NetDoktor-Redaktion. Seit September 2020 schreibt sie als freie Journalistin für NetDoktor.
Angelman-Syndrom
Kurzübersicht
Angelman-Syndrom: Definition
Angelman-Syndrom: Symptome
Angelman-Syndrom: Ursachen
Ist das Angelman-Syndrom vererbbar?
Angelman-Syndrom: Diagnose
Anamnese
Körperliche Untersuchung
Genetische Tests
Weitere Untersuchungen
Angelman-Syndrom: Therapie
Angelman-Syndrom: Krankheitsverlauf und Prognose
Erstes Lebensjahr
Ein bis drei Jahre
Pubertät und Erwachsenenalter
Autoren- & Quelleninformationen